Wenn Betriebsinhaber an Barrierefreiheit im Internet denken, denken die meisten zuerst an Menschen mit Behinderung – eine vermeintlich kleine Gruppe, für die man notfalls eine Ausnahme findet. Ein aktueller Report des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stellt diese Annahme infrage. Die größere Gruppe mit echten Zugangsproblemen im digitalen Alltag sind nicht in erster Linie Menschen mit anerkannter Behinderung, sondern ältere Beschäftigte – und die werden in den meisten Betrieben nicht mitgedacht.
Was der IW-Report 2025 gemessen hat
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat für seinen Report „Digitale Barrierefreiheit: Eine Frage des Alters, weniger der Behinderung“ knapp 5.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland befragt – unter anderem dazu, wie sie digitale Barrierefreiheit im Arbeitsalltag wahrnehmen und welche Hürden ihnen begegnen. Der Report erschien im Herbst 2025, zeitlich nah am Start des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) im Juni 2025, das bestimmte digitale Produkte und Dienstleistungen zu barrierefreier Gestaltung verpflichtet.
Nutzen Menschen mit Behinderung digitale Medien seltener?
Die naheliegende Vermutung wäre: ja. Der Report zeigt etwas anderes. 81,8 Prozent der Beschäftigten mit amtlich anerkannter Behinderung nutzen digitale Medien im Berufsalltag genauso intensiv wie der Durchschnitt aller Beschäftigten, von denen es rund 84 Prozent sind. Der Unterschied ist gering. Auch beim Melden digitaler Barrieren berichten Menschen mit Behinderung laut Report nicht deutlich häufiger von Problemen als Beschäftigte ohne Behinderung. Die übliche Annahme, Barrierefreiheit sei vor allem ein Thema für eine kleine, klar abgrenzbare Gruppe, trägt demnach nicht.
Die größere Gruppe: ältere Beschäftigte
Wo der Report dagegen einen klaren Unterschied findet, ist beim Alter. Unter jüngeren Beschäftigten (18 bis 29 Jahre) halten gut sieben von zehn digitale Barrierefreiheit für wichtig oder sehr wichtig – bei jungen Menschen mit Behinderung sind es sogar über 80 Prozent. Bei älteren Beschäftigten sind es im Schnitt nur noch knapp 61 Prozent. Das lässt sich auf zwei Arten lesen: entweder spielt das Thema für Ältere tatsächlich eine kleinere Rolle – oder viele von ihnen haben sich an Hürden gewöhnt, die sie längst nicht mehr als lösbares Problem wahrnehmen, sondern als gegeben hinnehmen.
Warum sind ältere Nutzer trotzdem die größere Problemgruppe?
Demografisch ist die Gruppe groß: Allein in Deutschland gelten rund 24 Millionen ältere Menschen als sogenannte Digital Immigrants – Menschen, die mit digitalen Anwendungen nicht aufgewachsen sind und entsprechend vorsichtiger oder seltener damit umgehen. Dazu kommen Faktoren, die mit dem Alter häufiger auftreten und sich direkt auf die Internetnutzung auswirken: nachlassendes Sehvermögen und Hörvermögen, weniger Routine im Umgang mit neuen Oberflächen, Unsicherheit bei komplexen Formularen oder die Sorge, etwas falsch zu machen. Das sind keine Behinderungen im rechtlichen Sinn, wirken sich aber genauso auf die Nutzbarkeit einer Website aus.
Als häufigste Barriere nennen Beschäftigte aller Altersgruppen in der Befragung eine unübersichtliche Struktur von Websites, dazu kommt schwer verständliche Sprache als wiederkehrendes Problem. Beides trifft ältere Nutzer besonders hart, weil ihnen die Routine fehlt, sich durch eine unklare Navigation „durchzuklicken“.
Was das für Ihren Betrieb bedeutet
Für die meisten Kleinbetriebe sind ältere Menschen keine Randgruppe, sondern ein großer Teil der eigenen Kundschaft und Belegschaft: Handwerksbetriebe, Praxen und lokale Dienstleister haben oft ein Durchschnittsalter ihrer Kunden, das über dem gesellschaftlichen Schnitt liegt. Eine Website, die für einen 25-Jährigen mit schnellem Smartphone selbstverständlich bedienbar ist, kann für einen 68-Jährigen auf einem älteren Gerät eine echte Hürde sein – nicht wegen einer Behinderung, sondern wegen Schriftgröße, Kontrast, Struktur und Sprache.
Der IW-Report ordnet das auch als unternehmerische Frage ein: Angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels wird die Belegschaft in vielen Betrieben älter, nicht jünger. Digitale Arbeitsmittel, die für ältere Mitarbeitende schwer zu bedienen sind, kosten dort genauso Zeit und Nerven wie eine schwer bedienbare Kundenwebsite draußen.
Was konkret zählt
- Klare, vorhersehbare Navigation statt verschachtelter Menüs
- Verständliche Sprache ohne unnötigen Fachjargon
- Ausreichend großer Text und Kontrast, der auch auf älteren Bildschirmen lesbar bleibt
- Formulare mit eindeutigen Beschriftungen und wenig Fehleranfälligkeit
Das sind keine exotischen Spezialanforderungen, sondern Grundlagen guter Websitegestaltung, die am Ende allen Nutzergruppen zugutekommen – jungen wie alten, mit und ohne Behinderung.
Ein Hinweis zur Einordnung
Der IW-Report macht deutlich, wie breit das Thema Barrierefreiheit tatsächlich ist – weit über die Zielgruppe hinaus, an die man zuerst denkt. Was eine einzelne Website betrifft, lässt sich damit noch nichts sagen: Ob eine konkrete Seite für ältere oder behinderte Nutzer tatsächlich gut bedienbar ist, zeigt erst ein Blick auf die Seite selbst.
Digitale Barrierefreiheit ist eine Frage des Alters, weniger der Behinderung – so der Titel des IW-Reports 2025.
Dafür bieten wir einen kostenlosen Barriere-Check an: ein automatisierter Vorab-Check mehrerer Seiten Ihrer Website auf Basis anerkannter WCAG-Kriterien (technische Richtlinien für barrierefreie Websites). Er zeigt typische technische Stolperstellen wie fehlende Kontraste oder unklare Struktur, ersetzt aber keine vollständige Prüfung durch einen Menschen – etwa den tatsächlichen Durchlauf mit Tastatur oder Screenreader – und ist keine Rechtsberatung zur BFSG-Konformität. Als erster, kostenloser Schritt zeigt er aber zuverlässig, wo sich ein genauerer Blick lohnt.